Hunger: NEW YORK
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Hunger: NEW YORK
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Was ist Hunger? Wer hungert? Nach was hungern wir Menschen? Eine Suche nach Antworten in 4 Teilen.







Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden, sind sie, um glücklich zu sein, übereingekommen, nicht daran zu denken. (Blaise Pascal, Pensées)

Teil 2: New York - Hunger, Leere und Erfüllung


Gleason’s Gym befindet sich im Nordosten des New Yorker Stadtteils Brooklyn in der Front Street, eingequetscht zwischen modischen Küchenutensilien- und Möbelgeschäften. Trotz solch halbherzigen Bemühungen zur Eleganz tobt die Front Street noch, mit ihren vermummten Bauarbeitern, Obdachlosen, Schulkindern und Busfahrerinnen. An diesem ungewöhnlich kalten Märztag 2007 droht der Schatten der Manhattan Bridge sie alle zu verschlingen, wie es damals Saturn panikhalber mit seinen Sprösslingen tat. Dabei braucht die Stadt New York vor Thronraub keine Angst haben – ihre Bürgerinnen und Bürger stehen hinter ihr wie ihre Politiker schon lange nicht mehr.


Bevor ich Gleason’s Gym betrete, bestelle ich noch schnell einen Kaffee bei Starbucks; ich muss meine Blase entleeren und außerdem möchte ich den Boxern so konzentriert und scharfsinnig wie möglich gegenübertreten. Ein Drahtseilakt: Die beiden Nächte zuvor hatte ich nämlich mit einem Freund die Veröffentlichung seines neuen Buches mit reichlich Whiskey gefeiert. Ich warte darauf, dass mein Kaffee abkühlt und bemerke das Zitat eines Starbucks-Kunden auf dem Pappbecher: “Die Leute sollten öfter aus ihrer Ruhezone herauskommen. Stricken und Boxen anfangen. Es würde Dich so viel interessanter machen.“ Ich stürze den Kaffee hinunter, gehe auf die Toilette, und verlasse meine Ruhezone, indem ich einen Block weiter zu Gleason’s Gym marschiere.


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Der Boxclub ist in seiner 70jährigen Geschichte immer weiter Richtung Süden gewandert – aus der Bronx nach Manhattan und schließlich nach Brooklyn. Jake LaMotta, Muhammad Ali, Roberto Duran, Larry Holmes, Mike Tyson – sie alle trainierten hier. Nun sind sie Legenden und Geister und ihre signierten Bilder hängen an der Wand zum Managerbüro, welche die Trainierenden daran erinnern sollen, wie man es richtig macht. Der amerikanische Autor Thomas Hauser erwähnt 1986 in seiner Beschreibung von Gleason’s, dass der Geruch von Schweiß, Einreibemittel, Desinfektionsmittel und billigen Zigarren den Raum erfüllte. Anscheinend haben sie seither in eine Klimaanlage investiert, denn ich rieche nichts, während ich in einer Ecke an eine Säule gelehnt kauere und den Athletinnen und Athleten beim Training zusehe.


Die Boxer, die an mir vorbeigehen, schauen mich (zu Recht) von oben herab an – ich wurde ihnen nicht vorgestellt, aber wozu hockt man in einem Boxclub am Boden und kritzelt Notizen auf einen kleinen Block? Das wäre, als ob ein Boxer bei einer Vorlesung über Milton plötzlich mit dem Sparring anfinge. Zwei verschiedene Disziplinen. – „You an animal?“ lacht ein Schwarzer lauthals einem anderen ins Gesicht und stimmt ein Lied von Marvin Gaye an.


Die vollbusige Sekretärin Maya schlapft über den dunkelgrauen Laminatboden und reicht Trainer Mike ‚Blimp’ Smith einen Staniolbehälter randvoll mit Backhendl, viel Gemüse und Reis, dazu eine süßsaure Soße. Einem jungen Boxer, der sich gerade den Schweiß von der Brust wischt, drückt sie ein Schnurlostelefon in die Hand: „Didn’t say who it was“, sagt sie und schlapft wieder zurück zum Empfangsbereich.


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Die Boxer verbringen ihre Zeit mit hartem Training – was mich allerdings überrascht ist, dass es hierbei keinen geregelten Ablauf zu geben scheint (ein Profi würde die Struktur, die mir verborgen bleibt, natürlich erkennen): da wird der Boxsack einmal kurz bearbeitet, dann der Doppelendball. Die Handschuhe werden abgelegt, mit Kollegen gescherzt, gerade Eingetroffene mit einer Umarmung begrüßt, weiter gescherzt (zumeist geht es um Genitalien und Muskeln) – und weiter geht es mit Sit-ups und Bauchmuskeltraining. Garniert wird dieses mit Boxbewegungen und Atemübungen – „chuh-chu, chuh-chu“ ertönt es bei jedem Fausthieb fast simultan mit dem dem „vuh-vu, vuh-vu“ des attackierten Boxsacks eines Kollegen.

Während der vier Stunden, die ich im Boxclub verbringe, wird andauernd gegessen; abwechselnd, aber eben immerfort. Während der Jause wird heftig diskutiert: Wie soll ein „jab“ idealerweise aussehen? Wer hat sich wann richtig oder falsch bewegt?

Grüner Eistee der Marke Arizona mit Ginseng und Honig scheint das Clubgetränk der Wahl zu sein. Ich fühle mich den Boxern jetzt ein wenig verbündet – während meinen Amerikaaufenthalten trinke ich dieses Zeug auch immer literweise.



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