|
Eindrücke von der Besetzung der Uni Wien. Let-Live-Style als Alternative zum herkömmlichen Lifestyle.
BILDUNG FÜR ALLE!
Hauptuni Wien, 17. Tag der Besetzung. Sonntag, 08.11.09 - so ungefähr um 17 Uhr. Es ist das Ende der zweiten Besetzungswoche - Tag 17. Draußen ist es bereits dunkel und es nieselt ein wenig. Der letzte Stand der Forderungen an die politisch Verantwortlichen:
:: Bildung statt Ausbildung :: Freier Hochschulzugang :: Demokratisierung der Universitäten :: Ausfinanzierung der Universitäten :: Behindertengleichstellungsgesetz an allen österreichischen Unis umsetzen :: Beendigung der prekären Dienstverhältnisse an den Universitäten :: 50% Frauenquote in allen Bereichen des universitären Personals {gallery}/IN_GESELLSCHAFT/menschen/alex_bildung_fuer_alle/reihe_1/:121:80{/gallery} Das Audimax am Tag nach dem Bauchklang Konzert Als ich das Audimax betrete, sitzen nur hier und dort Einzelne in den Bankreihen. Die Schritte sind höbar, hier und dort wird leise geredet, technische Geräte surren. Sonntagsstimmung bei der Uni-Besetzung. Die Partygäste vom Wochenende sind nach Hause gegangen - am Vorabend hat hier noch Bauchklang gespielt. Sie sind wieder verschwunden, vermutlich frisch geduscht und haben lediglich an die Wände gesprayte Parolen hinterlassen, deren Aussage, so denn es eine gibt, nicht mehr viel mit dem Ziel gleichberechtigter Bildung zu tun haben. Einige der Dagebliebenen beschweren sich darüber. Die Konferenzpausen- oder sogar Kirchenatmosphäre im Audimax stimmt nachdenklich. Die Aufforderung auf dem Plakat, das das Redner_innen-Pult verkleidet - "Widerstand gegen Bildungsabbau" - tut dies auch. Heute ist Reflexionstag. Ich gehe in die Volksküche. Auch dort ist es - trotz regen Kommens und Gehens - sehr ruhig. Das Abendessen wird noch vorbereitet. Kaffee wird ausgeschenkt, Marmeladebrote werden gestrichen. Es ist warm und es riecht gut. Ein Obdachloser schläft im Eck auf einem Sessel. Hier wird das Essen, das ausschließlich von Spenden finanziert wird, ganz selbstverständlich geteilt. Es wird nur vegan gekocht. Die Leute murmeln miteinander, viele lächeln. {gallery}/IN_GESELLSCHAFT/menschen/alex_bildung_fuer_alle/reihe_2/:92:61{/gallery} Der ORF besucht die VOKÜ Ein ORF-Kamerateam betritt die Volksküche. Es wird gebeten, das Filmen zu unterlassen. Der Kameramann beteuert, dass sein Redakteur eine Genehmigung habe. Der wird geholt und fragt, wer denn nach einer Genehmigung gefragt werden müsse. Der Mann hinter der Theke meint: "Ja, alle da." Tja; die Basisdemokratie macht auch vor einem Kamerateam nicht halt. Alles wird friedlich besprochen, ein paar Leute mehr grinsen, der Obdachlose im Eck schläft immer noch. Ich gehe - auch schmunzelnd. Am Abend erfahre ich, dass ich angeblich in der ZIB zu sehen war.
Besuch im Frauen_Lesben_Transen-Raum Ich gehe in den Frauen_Lesben_Inter_Trans-Raum, der auch schon seit 27. Oktober besetzt ist. Es gibt noch zwei weitere Schlafsäle - einen gemischtgeschlechtlichen und einen Frauen-Raum. Die Frauen haben Schlüssel für ihre Räume bekommen. Auch diese Besetzung ist männerdominiert - dem Bildungssystem ein Spiegelbild. Die Frauen im Frauen_Lesben_Inter_Trans-Raum erzählen mir dies und das. Sie waren nicht beim Bauchklang-Konzert, sie sind in ihrer angeeigneten Wohnung geblieben (die nebenbei bemerkt einen wunderschönen Ausblick auf die Votivkirche bietet). Es wird Gitarre gespielt und ich muss ganz klar an Lisa Simpson denken. An den Wänden hängen Forderungen in Sprüche verpackt, Protokolle von Diskussionen und Plena. Kein Poster einer Lisa Simpson zu finden. Aber auch hier sind - wie auf den Gängen, in der VO-KÜ und im Audimax - organisatorische Listen zu finden. {gallery}/IN_GESELLSCHAFT/menschen/alex_bildung_fuer_alle/reihe_3/:92:61{/gallery} Die besetzte Zone ist bestens organisiert Zum Selber-Abwaschen wird genauso wie auch zur Mülltrennung aufgefordert. In der besetzen Zone sind Informationen über Rechtslage, Kommunikation und interne Organisation zu finden. Es gibt einen Infopoint vor dem Audimax, es gibt Flyer, Buttons ... viel der Kommunikation läuft übers Internet. Ein Erste-Hilfe-Kurs wird angeboten und es gibt einen psychologischen Dienst. An der Wand wie im www gibt's einen Pressespiegel. Wird im Audimax gesprochen, wird dies in der Volksküche übertragen; die Leute, die in den Räumen bleiben, schauen am Bildschirm mit. Mir wird erzählt, dass der Architekt des Audimax die Besetzer_innen angerufen hat, um darauf hinzuweisen, dass auf der Tribüne sich keinesfalls mehr als 170 Menschen aufhalten dürfen. Auch das wird fleißig kommuniziert. Alles scheint soweit zu funktionieren an einem Sonntagabend im November an der Uni Wien. Nach dem Tratsch gehe ich noch mal in das Audimax. Mehrere haben sich nun eingefunden. Schließlich ist Reflexionstag, da gibt es einiges zu tun, besprechen und bedenken. Ich höre noch etwas zu, während ich mein köstliches Curry mit Reis jausne verspeise. {gallery}/IN_GESELLSCHAFT/menschen/alex_bildung_fuer_alle/reihe_4/:121:80{/gallery}
Es tut mir - dort stehend wieder einmal - besondes leid um die fehlende politische Verantwortung unserer Regierung. Denn hier wird sehr angestrengt versucht, Verantwortung zu übernehmen. Dieser Mühe und diesem Einsatz kein Gegenüber als Gesprächspartner_in zu bieten ist geringschätzig. Ich finde es sehr traurig, dass Österreichs Politiker_innen eher auf das Spiel auf Zeit setzen, statt den Anstand zu besitzen, mit engagierten Menschen das Gespräch zu suchen. Zeit heilt sozialpolitische Wunden nicht so schnell, wie das mediale Interesse sinkt und die nächsten Wahlergebnisse kommen. Wenn es um Bildung geht, darf nicht in Legislaturperioden gedacht werden. Und deshalb aber echt: Bildung für alle! Ich mache mich auf den Heimweg.
Wie du die Uni-Besetzer_innen unterstützen kannst: « Petition unterschreiben auf www.unsereuni.at :: Geh in die VOKÜ essen und spende für jemanden Zweiten mit :: Bring Lebensmittelspenden - die sind immer herzlich willkommen :: Schenke den Leuten im Frauen_Lesben_Transen-Raum doch bitte irgendwer ein Lisa Simpson-Poster ;-)
|