Dresden: ZUM BAUZNER TOR
UNTERWEGS
Bautzner Tor - Bierschwemme mit eigener Brauerei. Ein Kneipenbesuch in Dresden.






DIES IST EIN RICHTIGES ALTES KULTBEISL.


Da es immer interessant ist, die richtigen alten Kultbeisln (egal welcher Stadt) im Vergleich zum restlichen Lokalangebot zu betrachten, sei hier kurz erwähnt, dass Dresden weit über die Ex-DDR-Grenzen hinweg bekannt ist für seine gut erhaltene und abwechslungsreiche Kneipenlandschaft. Es herrscht also durchaus eine qualitätstreibende Konkurrenz dort.


Vor allem im Stadtteil Neustadt, wo – je nach Betrachterstandpunkt – das bunte Völkchen bzw. das zwielichtige Gesindel zuhause ist. Und des Nächtens um die Häuser zieht.


Zurück zum Bautzner Tor: dies ist eine der ältesten Kneipen in Dresden.


Außen so wie innen ist das gern zu glauben. Die Tapeten, das Inventar sowie ein Teil der Stammkundschaft scheint noch original erhalten zu sein, in einer Nische liegt ein Pflasterstein mit der Aufschrift "Ein Stück der alten Heyerswerdaer Straße", ein klappriges Piano steht herum, das auch fein bedient wird; erlesenes Kneipengeklimper von Ragtime bis Rock untermalt meinen Testbesuch.


Der fand an einem regnerischen Tag statt, die schummrige Vergilbtheit tat wohl.


Beim Studieren der Bierkarte gabs einiges zum Nachfragen, Erklärt-kriegen und Schmunzeln, denn das Sortenangebot der Neustädter Hausbrauerei ist durchzogen mit intelligenten Insider-Scherzchen. So findet sich zum Beispiel eine Anspielung auf den Widerstand gegen das Bauvorhaben einer neuen Brücke über die Elbe – in der Protestargumentation spielte die dort ansässige Fledermausart eine wichtige Rolle, die dann auch einem hellroten Vollbier ihren Namen gab: Hufeisennase, gebraut mit über Buchenholz geräuchertem Gerstenmalz. Ein blöder Name. Sommerspezialität. Im saisonalen Wechsel mit "Wilder Mann". Welches wiederum nach einem anderen Dresdner Stadtteil benannt ist, der einen guten Namen abgibt für dieses dunkle Winterbock mit sagenhaften 7,0 Alkoholprozenten, das Bier für "wenns mal schnell gehen muss". Weiters gibt es auch "Lenins Hanf", den sogenannten Bauchkiff, und "Dresden Cider", die neueste Errungenschaft der Hausbrauerei, sowie eine Auswahl an Flaschenbieren "aus fremden Kesseln" und Säfte von SachsenObst.


Hängengeblieben sind wir aber bei "Elbhang Rot" vom Fass, dem Nähr- und Ammenbier, benannt nach seinem ersten Ausschenkungsort, dem Elbhangfest 2002, wo jetzt übrigens die Brücke doch gebaut wird, Fledermäuse hin oder her.


Diese Bierraritäten sind alle wirklich billig, was aber egal ist. Wichtiger scheint mir, dass sie Handwerksprodukte ohne industrielle Verfahren sind, nicht filtriert und nicht pasteurisiert.


Dann gibt’s noch Geschenksets, Bierbrauworkshops und irgendwelche Urkunden-gekrönte Besäufnisse, was aber schon eher zu übertriebenem Marketing-Schnickschnack zählt, meiner Meinung nach.


Ich berichte jetzt lieber noch über die bierbegleitenden Speisen: Sächsisch und Böhmisch für Anfänger. Es gibt belegte Brote, die hier "Bemme" heißen, mit Schmalz etwa, dann heißt’s Fettbemme, oder vegan mit Tomate und Knoblauch. Es gibt Soljanka, die kommunistische Reste-Suppe, Sahnehering, Soleier, abenteuerliche Fleischgerichte und Eintöpfe, verschiedene Würste, aber auch Falafel, Schmetterlingsnudeln und hausgemachten Kartoffelsalat. Nestlé-Produkte werden grundsätzlich vermieden und die teuerste Speise kostet € 6,40, das ist der Schweinebraten mit Schwarzbiersauce, Sauerkraut und wahlweise mit böhmischen Knödeln oder Petersilkartoffeln.


Als Nachtisch gibts Eis im Horn oder Eierlikör im Schokowaffelbecher.


Es war mir ein Volksfest.


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Text und Foto: anna