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Seite 1 von 3 Eine Liebeserklärung dem blutroten, pechschwarzen Albanien.
ALBANIEN
Friedhof der Dinge I "Erst wenn man für nichts arbeitet, arbeitet man für etwas", sagt Ismet in Albanien zu mir kurz vor meiner Abreise nach Österreich. Zwei Wochen zuvor hatte ich beschlossen, hier in der Küche eines Ferienressorts zu arbeiten. Auf der Fahrt vom Flughafen Rinas zum Ressort sehe ich Rohbauten, Müllhalden, Grabstätten, Buswracks und Ansammlungen von rostigen Autoteilen (Vordertüren, Stoßstangen, Kotflügel und Windschutzscheiben stehen in Reih und Glied wie Soldaten in der Mittagshitze). Die kahlen Neubauten ragen aus der Erde wie Insektenkarkassen am Dachboden eines verwahrlosten Hauses. Die albanische Flagge weht überall blutrot, pechschwarz und stolz. Das Ressort ist ein Ferienort für reichere Albaner und Wohnort für einige der reichsten Albaner. Der Tageseintritt für den Pool beträgt 500 Lekë (4 Euro), was sich die meisten in diesem Land nicht leisten können. Wer hier reich ist, ist sofort erkennbar: die Männer sind fett, tragen Golduhren, goldene Fliegerbrillen und Badeshorts, unter welchen das Gucci-Logo der Unterhosen deutlich erkennbar hervorsteht (niemals würde ein Albaner eine Badehose tragen, ohne darunter eine Unterhose anzuhaben). Die reichen Mädchen sind dünn und tragen wahlweise goldene oder silberne Tanga-Bikinis und Stöckelschuhe. Lutscher sind im Moment ein Statussymbol. Ich halte mich bei den armen Albanern auf, den Arbeitern: muskulös, dünn, sehr jung und in diesem Ressort ausschließlich männlich. Der Ressortkomplex liegt in der Nähe der Stadt Golem, ein dreckiger Ort, wo man sofort sieht, dass Steuergelder in den Taschen der Politiker landen und nicht für öffentliche Dienste ausgegeben werden. Es ist reiner Zufall, dass Golem eine Figur aus der rabbinischen Tradition und hebräisch für 'Ungeformtes' ist. Selbst Rabbi Löw musste seinem Golem erst einen Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge legen, bevor die Kreatur zum Leben erwachte. Der albanische Ort Golem ist, wie die Lehmfigur, aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft: Müllberge häufen sich auf den schlammigen Lehmstraßen. Esel, Pferde und Hunde suchen ihr Fressen darin. Das Meer speit Kot, tonnenweise Seetang, und noch mehr Müll an den Strand. Am Strand entlang glühen die Kohlen, die den Kukuruz rösten, dessen Geruch der Wind mit verbranntem Plastik vermischt. {gallery}/MAGAZIN/unterwegs/georg_albanien/gallery1_2xquer/:265:200{/gallery}{gallery}/MAGAZIN/unterwegs/georg_albanien/gallery2_3xquer/:170:133{/gallery} Zahlen Meine Arbeitstage haben durchschnittlich 16 Stunden, manchmal mehr, selten weniger. Ich bekomme insgesamt 1300 Lekë (rund 100 Euro). In zwei Wochen nehme ich einen Tag frei (unbezahlt) und bin einen Tag sehr krank (unbezahlt). Da liege ich mit einer Lebensmittelvergiftung, Fieber und Fieberträumen im Bett. Am nächsten Tag stehe ich wieder bei 35° Außentemperatur von 10 Uhr bis 4 Uhr Früh in der Küche, davon fünf Stunden Fische ausweidend und Muscheln putzend. Das Personal im Ressort wird, verglichen mit anderen albanischen Hotels, gut versorgt, so der Manager. Sie bekommen dreimal am Tag eine Mahlzeit, welche die Köche immer frisch zubereiten. In der Früh gibt es Eierspeise, Tomaten, Gurken, Feta und Brot. Zu Mittag oft eine Suppe mit Bohnen, Erbsen oder Zwiebeln. Am Abend Sandwiches, Gemüsegratin oder Spaghetti mit Rahm und Feta. Fleisch ist zwar nur einmal in der Woche erlaubt, wird aber bei fast jeder Mahlzeit dazugeschmuggelt. Vergleichsweise gibt es in einem gehobenen Hotel in Tirana dreimal am Tag nur getoastetes Brot. Das vierzigköpfige Personal ist, mit Ausnahme der Tellerwäscherin und der Putzfrau, männlich und sehr jung. 'Chefkoch' Gino ist mit fünfundzwanzig der Älteste. Ressortmanager Peter erklärt mir, dass er jetzt keine junge Frau einstellen kann, da diese rund um die Uhr sexuell belästigt werden würde. Das glaube ich sofort: Dass die jungen Männer jeden Tag mit den unerreichbaren reichen Mädchen in Goldbikinis konfrontiert werden, schlägt aufs Gemüt. Oft höre ich, dass man, um als Albaner eine Freundin zu bekommen, zuerst ein Auto besitzen muss. Mit monatlich umgerechnet 215 Euro Lohn ist so etwas schwierig. Deshalb verschwimmen für viele Angestellte die Grenzen zur Homosexualität, wofür sich die meisten schämen. Drogen und Alkohol machen die vielen Stunden Arbeit erträglich. Nach Feierabend trinkt man an der Strandbar gerne fünf Stamperl Absinth und spült den Nachgeschmack mit Wodka hinunter. An einem Samstag wird mir in einer Nacht von vier Personalmitgliedern Kokain angeboten. Kein Wunder, dass es davon viel gibt; schließlich importiert Deutschland den Großteil des Kokains seit einigen Jahren nicht mehr aus Albanien, sondern aus Holland (Albanien ist mittlerweile auf Heroinexport umgestiegen). Geräusche Jeden Morgen mache ich mich über den Strand auf den Weg zur Arbeit. Hier liegen tausende Kosovaren (und wenig andere Touristen) zwischen rostigem Stacheldraht, Müllbergen und Betonbunkern aus der Hoxha-Ära. Davor spielen plärrende Buben Fußball. Überall Kukuruzgriller; immer der süßliche Geruch von Kukuruz und verbranntem Plastik. In der Nacht pulsiert immerfort laute Diskomusik über den Strand. Da die Albaner nichts haben, wäre die Ruhe wahrscheinlich gleichzusetzen mit dem Tod. So kommt es mir zumindest vor. Das dumpfe Pochen der Diskomusik hält die Albaner am Leben. Die Albaner sind besessen vom dumpfen Pochen der ewigen Diskomusik. Das dumpfe Pochen vertreibt den Tod und behält das Leben. Der zweite Arbeitstag hört für mich um drei Uhr Früh auf. Ich mache mich auf den dreißigminütigen Strandweg zum Hotel, in dem ich übernachte. Dort ist alles dunkel und die Tore zu. Also ringle ich mich wie eine Schlange auf einer Strandliege ein und versuche trotz konstantem Hundegebell einzuschlafen. Zehn Minuten später fangen die Moskitos an, mich zu stechen und hören nicht auf. Das Gebell der streunenden Hunde bleibt im Hintergrund. Ich schlafe also in dieser Nacht nicht.
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