SIESTA FÜR SPANISCHEN WEIN
BERICHTET

In Spanien ist Weinkrise - es gibt zuviel davon. Woran liegt das?







KATERSTIMMUNG IN DEN KELLEREIEN


Spaniens Winzer weinen rosigeren Zeiten nach. Mehr als 500 Bodegas gründeten Bauunternehmer als ihre „Spielzeuge“ zur Zeit der Immobilienbooms. Hunderte stehen nun zum Verkauf, während das Gebraute in den Kehlen triumphiert

Verdorrte Reben stapeln sich neben der von Schlaglöchern durchsiebten Durchfahrtsstraße zu einem einstigen Weingut. „Im vergangenen Jahr haben wir tausende Hektar Rebland aufgegeben“, sagt Pedro Alcolea. Der Weinbauer und Agrarsyndikalist aus Socuéllamos (Ciudad Real) im zentralspanischen Kastilien-La Mancha gibt sich zermürbt: „Diese verdammte Krise.“

Sie hat am Weinbau, der die Region über Jahrhunderte prägte, ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen. Denn das Herz von La Mancha produziert um Valdepeñas, dem „Tal der Steine“, wo sich einst der alten Römer Reben rankten, die Hälfte des gesamten Weines in Spanien. Das Gros entfällt auf Tafelwein und Stückgut, das um 25 Prozent an Wert verlor. Dabei sind es dieselben Tempranillo- und Garnacha-Trauben, die dem Rioja oder Ribera del Duero Farbe, Geschmack und Gehalt geben.

„Wenn die Produktionskosten steigen und der Traubenpreis verfällt, geben viele auf“, sagt Alcolea. Die EU zahle 4500 Euro pro Hektar von Reben befreiten Brachlandes. Andernfalls flösse überschüssiger Wein in die Produktion von Geistreicherem, was dann die Cognac-Preise wackeln ließe. Paradox sei, dass es EU-Förderungen zu verdanken wäre, dass die Produktion dank besserer Bewässerung vervielfacht wurde. Das legte wiederum in der La Mancha den nahen Nationalpark der Tablas de Daimiel völlig trocken. Ein unterirdisches Torffeuer entfachte sich im Spätsommer 2009. Es konnte erst kürzlich nach intensivsten Regenfällen per Wassernachspeisung gelöscht werden.

Der iberische Bauboom erfasste auch den Sektor der Weinerzeuger. Neue Weine und Regionen dekorierten sich mit Herkunfts-Qualitätssiegeln. Mehr als 5000 Güter zählt das Land aktuell. Über 500 neue Weingüter entstanden in besagter „Bonanza“-Phase zumeist „von Immobiliengewinnlern“, als „Extrawurst“, sagt José García Carrión, Präsident der Federación Española del Vino unter der sich ein Viertel der Weinbauern Spaniens vereint. Mit Don Simón nennt er den sechstgrößten Weinproduzenten der Welt sein Eigen – globaler Marktführer in der Tafelwein-Liga. „Sie waren wie Spielzeuge für die Bauunternehmer“, sagt García Carrión: „Nach dem Untergang stehen nun hunderte Weingüter zum Verkauf.“

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Darunter Prestigeträchtiges wie Enate aus Somontano (Aragón) von Luis Nozaleda. Das Gut ist im Konkurs, nachdem sein Immobilienunternehmen Nozar überschuldet das Feld räumen musste. Die Bodega Aresan von Unternehmer Aurelio Arenas in Villarrobledo (Albacete) steht ebenso zum Verkauf.

Dem Trend entgegen rettete Fernando Martín noch vor der Pleite des Immobiliengiganten Martinsa Fadesa in einigen Kleinstweingütern Millionen Euros. Brasiliens Kickerstar Ronaldo investierte übrigens in Wein aus dem Duero-Tal in Cepa 21.

Víctor Pascual, Präsident des Consejo Regulador del Rioja, schätzt, dass bis zum Platzen der Immobilienblase 30 Prozent der 1200 Weingüter in der Prestigeregion von dem Sektor fremden Investoren unterhalten wurden. „Das ist gut so“, sagt er: „Manche Bodegas gleichen gar Kathedralen, das stärkt den Weintourismus“ – ein Wachstumszweig in La Rioja.

„In den 1990ern zahlte man noch rund 2,50 Euro pro Kilo Trauben“, erinnert sich Enrique Calduch, seinerseits Weinkritiker seit zwei Dekaden. Im Vorjahr lag der Preis bei elf Cent.

Lange Jahre habe es als ‚chic’ gegolten, wenn branchenfremde Unternehmer oder auch Stars in ein Weingut investierten und ihre Flaschen à 40 Euro verkauften: „Heute kauft keiner mehr Wein um diesen Preis.“ Die Flaschen-Preise der zwei Topgereihten im aktuellen Wine Spectator, darunter ein Spanier (Toro Termes) liegen bei 19 Euro. Weit gehobener ist das Preisniveau beim Châteauneuf-du-Pape (Rhônetal) und Toskanischem à la Brunello de Montalcino.

Dabei beherbergt der spanische Boden mit 1,2 Millionen Hektar die weltgrößte Anbaufläche von Wein der Welt. In Produktion von 34 Millionen Hektolitern steht das Land am dritten Rang hinter Italien (47, EU-Zahlen vorläufig für 2008) und Frankreich (44). Österreichs Winzer produzieren 2,5 Millionen Hektoliter. Eine Milliarde Euro setzt die Branche in Spanien pro Jahr um, eineinhalb Milliarden (2009 bis November) im Export.

„Vor 40 Jahren haben Spanier im Schnitt im Jahr 70 Liter Wein pro Kopf und 20 Liter Bier konsumiert“, sagt Don-Simón-Präsident García Carrión: „Die Statistik hat sich beinahe auf den Kopf gestellt.“ 38 Liter Wein pro Kopf genossen sie im Krisenjahr 2009, im ersten Halbjahr sank der Weinkonsum um fast sieben Prozent. Spanier trösten sich in Krisenzeiten lieber mit Gezapftem (56 Liter) als mit Gekeltertem. Dabei summiert sich auf ausländischen Touristen ein Drittel des Bierkonsums.

Ausländische Märkte wären die Chance, wie auch Asien, doch die sind härter umkämpft. Die USA, Australien, Chile, Südafrika, Argentinien und jetzt noch Nachbar Marokko mischen mit.

Webtipp:
cepa21.com
dovaldepenas.es


INFO: Spanischer Wein

Vor Kataloniens Priorat und der Ribera del Duero ist La Rioja Spaniens Prestigeregion in Sachen Vino. Doch verlor man hier 2008 acht Prozent der Exporte, ein Wert der sich 2009 etwas besserte. Auf 63.000 Hektar über La Rioja, Navarra und dem Süden des Baskenlandes werden 270 Millionen Liter alljährlich produziert. Zehn Millionen Euro fließen im selben Zeitraum in die Weinwerbung. In Hinkunft soll um zehn Prozent weniger Wein aus der Region die Rioja-Herkunftsbezeichnung tragen.

In Kastilien-La Mancha, wo mehr als die Hälfte des Weines produziert wird, bleiben Produzenten auf ihren Erzeugnissen sitzen. Man fordert seitens der Agrarsyndikate eine „Krisenquote“, um 2,5 Millionen Hektoliter Wein auch in Industriealkohol und Treibstoffe zu destillieren. Denn große Weinmengen, die keinen Abnehmer fanden, lagern in den Tanks der Großproduzenten. Schwacher Trost bleibt, dass dank ausgiebiger Regenfälle heuer bei der Bewässerung Kosten eingespart werden können.


Während die Großproduktion um Valdepeñas seitens der EU subventioniert wird, fallen sie etwa für Juan Sánchez-Muliterno (Pago Guijoso, in El Bonillo) weg. Doch Kleinstproduzenten wie ihn, der auf 100 Hektar 200.000 Flaschen im Jahr abfüllt, stören Agrar-Förderungen ohnehin. Er sieht sich als „Verfechter des freien Marktes“ und in der Überregulierung einen Mitverursacher der Weinkrise. Sein Flaschenpreis stieg nicht ihn Boomzeiten und er verfällt auch nicht aktuell.